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Zum Grundstein aller buddhistischen Schulen gehören die sogenannten » Vier Edlen Wahrheiten «, die der Überlieferung nach Gegenstand jener ersten diskussion waren, die der Buddha nach seiner Erleuchtung mit einer kleinen Gruppe von Freunden hatte. Diese vier Wahrheiten sind am deutlichsten durch die vier dazugehörigen Sanskritbegriffe charakterisiert: Duhkha, Samundaya, Nirodha, Mãrga. Das Wort Duhkha bedeutet sowohl physisches Leid als auch seelische Unzufriedenheit; die erste Wahrheit besagt, dass das Leben voller Leid und Unzufriedenheit ist. Samudaya heisst »Grund«, »Ursache«; die zweite Wahrheit besagt, dass Leid und Unzufriedenheit eine Ursache haben. Nirodha heisst »Erlöschen«; die Ursache des Unbehagens lässt sich also beseitigen. Die letzte Wahrheit kommt in der Bedeutung des Wortes Mãrga, »Pfad«, »Weg« zum Ausdruck; es gibt eine Möglichkeit, einen Weg zur Beseitigung des Leides.
Was der Buddha zur ersten Wahrheit der "Unzufriedenheit" sagte, hätte wohl kaum als Grundlage für eine neue, große Religion ausgereicht: Er sprach von Krankheit und Tod, von Sorgen und Trauer, vom Zusammensein mit Dingen, die wir liebhaben - er erwähnt damit also durchaus nichts Außergewöhnliches. Auch was sdie zweite Wahrheit angeht, sind westliche Denker zu ähnlichen Schlüssen gelangt: Das Leid hat eine Ursache, und die Ursache ist in der unseligen Veranlagung des Menschen zu übersteigerten Wünschen, Gier und Begehrlichkeit zu suchen. Niccolo Machiavelli kommt in seinen Gesprächen der zweiten Wahrheit sehr nahe:
Wenn der Mensch nicht mehr aus Notwendigkeit kämpfen muß, dann kämpft er aus Ehrgeiz. Diese Leidenschaft besitzt eine solche Macht über das Herz des Menschen, daß sie ihn niemals verläßt, und sei er zu den höchsten Höhen aufgestiegen. Der Grund dafür ist, daß die Natur den Menschen in einer Gestalt erschuf, die ihn zwang¿aft dazu treibt, allezu erwünschen, doch nicht alles zu erlangen. Da das Begehren also imer die Möglichkeiten des tatsächlichen Erwerbens überschreitet, ist der Mensch mit sich selbst und mit dem, was er ebesitzt, unzufrieden..."
Mit der dritten Wahrheit, Nirodha, geht der Buddha jedoch über das vertraute westliche Vorstellungen hinaus: Damit lehrt er das Erlöschen des Leidens. Nach christlicher Anschauung setzt der Tod dem irdischen Jammrtal ein Ende, und man hofft auf eine Wiedergeburt im Himmel. Iß dich satt, werde reich und berühmt, mach' mal Urlaub, nimm schnell eine Tablette ... lautet die Devise all jener, die nur noch eine oberflächliche Beziehung zu ihrem Glauben haben; alles, was Wohlbehagen verschafft, ist als Heilmittel gegen das Leiden der Welt geeignet. Oder man fällt in einen Zustand der Empfindungslosigkeit, trottet, alle Hoffnung auf ein erfülltes Leben aufgebend, wie im Schlaf durch das Dasein und vermeidet damit möglichst jede Leidenserfahrung. Die buddhistische Lehere legt uns einen Weg aus der existen¿iellen Unzufriedenheit nahe, zu dem weder der Tod noch materielle Güter, noch der Rüchzug in die Empfingungslosigkeit notwendig sind. Dieser Weg besteht darin, auf eine andere Weise in der Welt zu sein, anders zu leben. Die vierte Wahrheit ist Märga, der Weg - der eigentliche Inhalt alle buddhistischen Praxis. Der Buddha selbst hat sich darüber nicht allzu ausführlich ausgelassen. Er gab einige Hinweise darauf, was der Weg nicht ist, und spärlcihe Information darüber, was er ist.
Zuerst, was er nicht ist: Der Buddhismus ist trotz seiner entschiedenen Verurteilung alle Gier keine Religion der Selbstkasteiung. Zu Lebenszeiten des Gautama gab es in Indien viele heillige Männer, die ihre Heiligkeit durch (um es einmal auf christliche Begriffe zu bringen) "Demütigung der Hoffart des Fleichses" unter Beweis stellten, und der Buddha sagte dazu, dies sei nicht der geeignete Weg. Er nannte solche Praktiken "schmerzhaft, unwürdig und nutzlos". Auf der anderen Seite sagte er, ber Genußsucht und rüchhaltlose Schwelgerei in Sinnesfreuden seien nicht mit dem Weg vereinbar. Statt dessen bot er den "mittleren Weg" zwischen diesen beiden Extremen an.
Damit kommen wir zum eigentlichen "Weg", manchmal als "Edler Achtfacher Pfad" beschrieben, da der Buddha ihn mit Hilfe von acht Verhaltensweisen charaktereisiert, zu deren Verwirklichung man sich im Leben durchdringen musß, soll die Kette des Leidens durchbrochen werden: rechte Anschauung, rechte Zielstezung, rechte Rede, rechte Tat, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung.
"Rechte Anschauung" heißt, eine Lebenshaltung einzunehmen, in der man bereit ist, die "Vier Wahrheiten" fürs erste gelten zu lassen und im Alltag zu überprüfen. Es wird nicht verlangt, an sie zu glauben; der größte Unterschied zwischen Buddhismus und Christentum liegt vielleicht darin, daß der Buddhismus ausdrücklich keinen Glaubensakt verlangt. Der Buddha sagt selbst in einem Sútra:Glaubt nicht an irgendwelche Überlieferungen, nur weil sie für lange Zeit in vielen Ländern Gültigkeit besessen haben. Glaubt nicht an etwas, nur weil es viele dauernd wiederholen. Akzeptiert nichts, nur weil es ein anderer gesagt hat, weil es auf der Autorität eines Weisen beruht oder weil es in einer heiligen Schrift geschrieben steht. Glaubt nichts, nur weil die Autorität eines Lehrers oder Priesters dahintersteht. Glaubt an das, was ihr durch lange Prüfung für richtig erkannt habt, was sich mit eurem Wohlergehen und dem ¿er anderen vereinbarn läßt.
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Die gesamte Abhidharma -Psychologie verfolgt nur ein Ziel: das menschliche Bewusstsein von der Illusion eines Ego zu befreien. Das gesamte System mit seiner präzisen und subtil differenzierten Terminologie der Geistesfaktoren ist eine Falle, in der sich das Ego verfangen soll. Es beweist, das ein dauerhaftes Selbst nirgends zu finden ist, wenn man die Bewusstseinsabläufe nur gründlich genung erforscht. Es gibt nur Bewegung, die ewig weschelnden Muster der Bewusstseinsabläufe, den Fluss der Dharmas.
Die Lehre von den Dharmas ist damit mehr als nur ein psychologisches System, sie ist das Fundament der buddhistischen Weltsicht. Sie ist für den Buddhismus so wichtig wie die Gottesvoerstellung für Islam, Judentum und Christentum. Die Weltsicht, die durch die Lehre von den Dharmas repräsentiert wird, ist von lebendiger Direktheit; jedes Phänomen, jeder Moment ist eine einmalige Kombination von Geistesfaktoren, Elementen, die niemals wieder in genau derselben Weise zusammen kommen werden. Das trifft auf die Welt, die wir erfahren, genauso zu wie auf uns selbst. Aus dieser Sicht ist die frage, welche Person man darstellt, nicht mehr so wichtig. Wichtiger ist die Frage: Was bin ich und wie bin ich in diesem Augenblick? Die Dharma-Sprache ersetzt die Sprache des Ich.
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Die therapeutische Kraft einer entwickelten Sebstbeobachtungsgabe liegt darin, dass viele emotionale Probleme im Grunde durch ein falsches Bild entstehen, das wir uns vorsätzlich von unserer Erfahrung machen. In unserem verzweifelten Kampf ums Überleben und um unser Glück versuchen wir immer und immer wieder dieselbe Kombination von Umständen herbeizuführen, unter denen wir irgendwann einmal ein lebhaftes Glücksgefühl erfahren durften. Aber diese Situation ist unwiederbringlich, und wir verlieren den Kontakt zu der Wirklichkeit des gegebenen Augenblicks, indem wir starrsinnig an einer illusionären Vorstellung festhalten. Wie das Ego vergeblich versucht, den Wind mit einem Seil festzubinden, um das sich seinem Wesen nach ständig Wandelnde festzuhalten und dauerhaft zu machen, so entstehen unsere emotionalen Probleme aus dem Verusch, unsere Erfahrung auf starre und überschaubare Programme festzulegen. Das Bewusstsein fängt an, dem verrückten Computer Hal in dem Film 2001, Odysee im Weltraum zu ähneln, der seine Mission im All, für die er eigentlich geschaffen worden war, schliesslich völlig sabotierte.
Wenn Sie lerenen, das Bewusstsein bei seiner Arbeit zu beobachten und zu erkennen, welche festgefahrenen Vorstellungen Sie darüber haben, wer Sie sind, was Sie zu tun haben, um glücklich zu werden, wie alles sein muss, was alles schreckliches passieren kann, wenn man sich so-und-so verhält, dann können Sie Ihre Einsichten in dem Licht der tatsächlichen Erfahrung kritisch betrachten. Und oft werden Sie dabei entdecken, dass viele dieser Einsischten nur Einbildungen sind, fadenscheinige Phantasien, die keinerlei Bezug zu dem haben, was Sie momentan wirklich fühlen und erfahren. Bei jeder Entdeckung dieser Art werden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, und Sie erwachen zur Frische und zum Reichtum der Gegenwart
Ich kenne einen Psychologen, der eine ganz einfache Übung zu dieser Problematik gefunden hat. Er rät, allen Behauptungen darüber, wer man ist, welche Persönlichkeit man hat, was man glaubt, was man mag oder nicht mag und was man nicht kann, die Wörter >>bis jetzt<< hinzuzufügen. Zu dieser Übung muss man weder Teile von sich ableugenen, noch sich bewusst ändern; sie hilft uns jedoch, uns auf die gegenwärtige Erfahrung zu besinnen und das Bild, das wir von uns haben im Lichte dieser Erfahrung zu betrachten - dieses Vorgehen ist einfach ein Trick.
Seite 86 / Tantrismus
...Da er sich dessen bewußt ist, daß sein ego-zentriertes und niemals zufriedenzustellendes samsarisches Bewußtsein daran beteiligt ist, das ganze Drum und Dran von Wünschen und Wunschobjekten hervorzubringen, wendet der Schüler des Tantra also einen jener psychologischen Triks an, die für den tibetischen Buddhismus so typisch sind: Er (oder sie) visualisiert vor seinem inneren Auge ein Bild, in das er die emotionale Energie investiert, die zuvor das unliebsame Verhaltensmuster aufrecht erhielt; die Energien des Bewußtseins werden von einem Objekt abgezogen und auf ein anderes Objekt übertragen. Das visualisierte Bild wird mit den Jahren der Übung sehr lebendig; es kann das Bild einer traumhaft schönen Frau sein, wenn sexuelle Wünsche das Hauptproblem sind; es kann auch eine rasende, wilde Gottheit sein, will man aggressiven Tendenzen die Wucht nehmen. Die tibetische Kunst ist reich an solchen Bildern, und oabwohl ich keinem daran interessierten Abendländer davon abraten will, sie als Kunstwerke zu betrachten, würde ich doch nicht raten, sie zur Meditiaonspraxis zu verwenden. Sie sind Produkte der tibetischen Kultur, und ich bezwiefle sehr, daß es einem Mann unserer Zeit gelingen wird, seine ganze Lust auf eine jener exotisch bunten Damen zu projizieren, die auf den tibetischen Rollbildern in den Wolken schweben, oder daß es ihn zufriedenstellt, seinen im Büro aufgestauten Ärger in das Bild eines mittelalterlic¿en orientalischen Kriegsgottes abzulassen.
Seite 90 / Übung
...Beim nächsten Übungsschritt gebraucht man als Hilfsmittel eine Zeichnung oder ein Bild des zu visualisierenden Symbols. (Später kommt man ohne solche Kunstgriffe aus.) Die Schüler am Nyingma Institute erhalten dafür eine kleine, etwa zehn Zentimeter breite Schwarzweißgraphik des tibetischen Buchstabens Ah, eines Symbols von Shúnyatá. Man soll täglich sechsmal etwa zwnanzig Minuten damit üben, indem man dem Umriß des Buchstabens konzentriert im Uhrzeigersinn nachgeht. Nach zwei Tagen kann man isch dann auf das Gesamtbild konzentrieren. Nach wtwa fünfizig Stunden dieser Übung sollte man isch den Busch¿taben leichtmit geschlossenen Augen vorstellen können. Später wird man noch lernen, das Bild zu verkleinern und es in einer bestimmten Körperregion zu sehen.
Ich habe ein kleines "Ah" zum herunterladen erstellt. Auf Anfrage sende ich auch gerne den *.ai-Pfad (vektorisiert) zu.